Sommerbericht 2018

Grußwort zum Sommerbericht 2018 der Perspektive Russland e.V.

Liebe Freunde in Deutschland und Westeuropa!

Seit mehr als 30 Jahren engagiere ich mich für den Sozialaufbau in Russland. Dabei begleiten mich immer neue ultimative Begriffe, Schlagworte, denen man genügen muss, wenn das eigene Engagement von Gesellschaft, Politik und Medien überhaupt wahrgenommen und vielleicht unterstützt werden soll. 1991 brachte mir ein hoher Beamter im Bundesverwaltungsamt in fünf Minuten bei, dass man nur Aussicht auf Förderung habe, wenn man selbst ein „Multiplikator“ sei und ebensolche in seinen Projekten um sich versammle. Diese leitenden Schlagwörter änderten sich etwa alle zehn Jahre und man müsse sich anpassen, damit man überhaupt gesehen werde. Mit der ersten Teilnahme am Petersburger Dialog 2008 wurde ich deshalb zum „Akteur der Zivilgesellschaft“ und erkläre in den entsprechenden Kreisen, dass wir zum Aufbau der Zivilgesellschaft in Russland beitragen. Einfach als engagierter Mensch, der dank Ihrer Spenden dabei helfen darf, dass russische Menschen ihre sozialen Ideen in die Realität umsetzen können, bin ich bis heute in der Politik nicht salonfähig.

Heute wird in Deutschland von allen Tribünen die „kritische Zivilgesellschaft“ beschworen, die Russland retten soll. In vielen gemütlichen Redeveranstaltungen prangert diese „kritische Zivilgesellschaft“ fleißig die Sünden von Putins Regime an und fordert Änderungen, die Dritte umsetzen sollen. Völlig unbemerkt bleiben die realen Veränderungen bis in die Gesetzgebung hinein, die die aktiv tätige Zivilgesellschaft in Russland erreichte. Sie prangert nicht an, sondern arbeitet geduldig in vielen kleinen Schritten mit der Gesellschaft, mit dem Regime, nicht gegen sie. Ein leuchtendes Beispiel sind die heilpädagogischen Initiativen, deren Aufbau wir mit Ihrer Hilfe im ganzen Land fördern konnten. Um jede dieser Einrichtungen herum verändert sich in immer weiterreichenden Kreisen das Menschenbild. Weg vom Sowjetmenschen, dessen Wert sich allein an seiner Produktionskraft im Kollektiv bemaß, weshalb Menschen mit geistiger Behinderung kein Recht auf Bildung besaßen, hin zum Wert des Menschen an sich, zur Würde jedes Menschen. Und erst, wenn ein neues Leitbild vom Wert jedes einzelnen Menschen sich etabliert, werden sich auch Gesellschaft und Regime in Russland grundlegend und dauerhaft ändern.

In diesem Sinne bedanke ich mich herzlichst bei Ihnen dafür, dass Sie dazu beitrugen, dass gerade der dritte Ausbildungsgang zum Heilpädagogen in Samara abgeschlossen werden konnte, aus dem mehrere neue heilpädagogische Initiativen in ganz Russland entstanden. Mit herzlichen Sommer-Grüßen, Ihre

Anne Hofinga